Signifikanz oder Effektgröße: Welches Ergebnis ist zu interpretieren?
Der p-Wert misst die Vereinbarkeit der Daten mit einem Nullmodell. Die Effektgröße beschreibt die beobachtete Größenordnung und braucht Intervall sowie praktische Relevanzschwelle.
Direkte Antwort
Nachweis, Größenordnung und Präzision gemeinsam beurteilen.
Der p-Wert misst die Vereinbarkeit der Daten mit einem Nullmodell. Die Effektgröße beschreibt die beobachtete Größenordnung und braucht Intervall sowie praktische Relevanzschwelle.
01
Die Entscheidungsregel
Interpretieren Sie stets vier Größen gemeinsam: Effektschätzung, Intervall, p-Wert des deklarierten Tests und vorab festgelegte praktische Relevanzschwelle. Ein kleiner p-Wert misst weder Größe noch Nutzen; ein großer belegt keine Abwesenheit.
02
Drei Leseebenen
- 1
Entscheidungsebene: Fragen Sie, ob das Intervall die Geschäftsschwelle überschreitet, nicht nur ob p unter 0,05 liegt.
- 2
Praxis: Berichten Sie absolute Differenz, relativen Lift, Intervall, p-Wert, Stichprobengrößen und Multiplizitätsregel.
- 3
Analyse: Definieren Sie Estimand, Stichprobenprozess, δ, Intervallniveau und Sensitivitätsanalyse.
03
Konkrete Marketingsituation
Ein Team vergleicht zwei Conversion-Raten und entscheidet über den Rollout. Die Änderung erfordert mindestens +1 Prozentpunkt. Die eigentliche Frage lautet: Welche Größen sind mit den Daten vereinbar und überschreiten diese Schwelle?
04
Exakte wissenschaftliche Frage
Wie groß ist in den deklarierten Populationen, Einheiten und Zeitfenstern die deskriptive Differenz Δ = πB − πA, mit welcher Präzision, und ist das Intervall mit null, einem nützlichen Effekt δ oder [−δ,+δ] vereinbar?
05
Warum p < 0,05 nicht genügt
- Bei sehr großem n kann eine winzige Differenz einen kleinen p-Wert ohne wirtschaftlichen Wert erzeugen.
- Ein nicht signifikantes Ergebnis kann zu unpräzise sein, um Abwesenheit, Schaden oder Nutzen zu unterscheiden.
- δ erst nach Sichtung der Daten festzulegen macht die Geschäftsregel zur nachträglichen Rechtfertigung.
American Statistical Association (2016) Lakens, Scheel & Isager (2018)
06
Intuition vor den Gleichungen
- Der p-Wert beantwortet eine Vereinbarkeitsfrage unter einem deklarierten Nullmodell; er ist nicht die Wahrscheinlichkeit, dass H0 wahr ist.
- Die Effektgröße gibt die Größenordnung auf einer gewählten Skala an; das Intervall zeigt noch mit Daten und Modell vereinbare Werte.
- Die Schwelle δ übersetzt Kosten, Marge oder Risiko in eine minimale nützliche Differenz; sie ist keine universelle Konstante.
07
Benötigte Daten
- Zwei unabhängige Binomialgruppen, nA/nB und Conversions yA/yB; keine kausale Zuweisung wird behauptet.
- Gleiche Conversion-Definition, gleiches Beobachtungsfenster und ausdrücklich vergleichbare Populationen.
- Praktische Schwelle δ = 1 Prozentpunkt vor der Analyse; Alpha = 5 % und Testfamilie deklariert.
08
Formales Modell und Symbole
Effekt
πA,πB; Δ=πB−πAp̂A=yA/nA; p̂B=yB/nB; Δ̂=p̂B−p̂A; lift=Δ̂/p̂AnA,nB: Einheiten; yA,yB: Conversions; π: Populationsparameter; p̂: beobachtete Rate; Δ: Estimand; Δ̂: Schätzer; δ: vorab festgelegte minimale nützliche Differenz.
Unsicherheit
H0:Δ=0; p̂pool=(yA+yB)/(nA+nB); SE0=√[p̂pool(1−p̂pool)(1/nA+1/nB)]; z=Δ̂/SE0; p=2Φ(−|z|)SE=√[p̂A(1−p̂A)/nA+p̂B(1−p̂B)/nB]; CI95=Δ̂±z0.975SE; CI90=Δ̂±z0.95SETOST: H01:Δ≤−δ; H02:Δ≥+δ; max(p1,p2)<αα ist das deklarierte Fehlerniveau erster Art; Φ die Standardnormalverteilung; zq ihr q-Quantil. Das Wald-KI wird hier nur bei großen Zählwerten verwendet; bei fragiler Approximation ist eine Score-Methode vorzuziehen.
Fagerland, Lydersen & Laake (2015) Lakens, Scheel & Isager (2018)
09
Deklarierte Berechnung, Schritt für Schritt
- 01
Population, Fenster, Metrik, Alpha, Multiplizität und δ vor Ergebnissen festlegen.
- 02
Raten, Δ in Prozentpunkten und relativen Lift berechnen, ohne die Einheit zu wechseln.
- 03
p unter H0:Δ=0 und das 95%-KI berechnen; für Äquivalenz [−δ,+δ] mit zwei einseitigen Tests prüfen.
- 04
Ergebnis relativ zu null und δ klassifizieren und Entscheidung samt Nichtaussagen dokumentieren.
10
Vier Ergebnisse mit unterschiedlicher Bedeutung
Synthetische Illustration — Lehrwerte, nicht beobachtet
| Szenario | Zählwerte A → B | Raten A → B | Δ̂ | Relativer Lift | p | IC95 | IC90 | TOST p | Entscheidung |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
detectable_negligible | 500000/50000 → 500000/51000 | 10.000% → 10.200% | 0.200 pp | 2.000% | 0.0009046 | [0.0819; 0.3181] | [0.1009; 0.2991] | 1.62e-40 | detectable-but-negligible |
inconclusive | 1000/100 → 1000/120 | 10.000% → 12.000% | 2.000 pp | 20.000% | 0.152918 | [-0.7411; 4.7411] | [-0.3004; 4.3004] | 0.762700 | inconclusive |
practically_convincing | 10000/1000 → 10000/1250 | 10.000% → 12.500% | 2.500 pp | 25.000% | 2.21e-8 | [1.6248; 3.3752] | [1.7655; 3.2345] | 0.999609 | practically-convincing-benefit |
practically_equivalent | 50000/5000 → 50000/5025 | 10.000% → 10.050% | 0.050 pp | 0.500% | 0.792373 | [-0.3223; 0.4223] | [-0.2624; 0.3624] | 2.85e-7 | practically-equivalent |
Das erste Szenario verwirft sowohl Δ=0 als auch Effekte von mindestens 1 Prozentpunkt: Es ist statistisch nachweisbar und liegt in der praktischen Vernachlässigbarkeitszone. Dieses Doppelergebnis folgt nie allein aus dem Punktschätzer.
CSV Python · MIT R · MIT SPSS · MIT SAS · MIT11
Gültigkeitsannahmen
- Sind Einheiten innerhalb und zwischen Gruppen unabhängig? Falls nicht: Berücksichtigt die Varianz die tatsächliche Abhängigkeit?
- Hat jede Einheit ein binäres Ergebnis, eine stabile Wahrscheinlichkeit in ihrer Gruppe und genau eine Beobachtung im Zeitfenster?
- Sind die Zählwerte groß genug für die Normalapproximation? Falls nicht: Wird eine passende Binomial- oder Score-Methode verwendet?
- Stammt δ aus einer dokumentierten, vor der Analyse festgelegten Wertfunktion statt aus dem beobachteten Ergebnis?
12
Diagnostik und Unsicherheit
Alle vier Binomialzählungen, Nenner und fehlende Einheiten-Duplikate prüfen.
95%-KI für Δ und 90%-KI für TOST berichten; übermäßige Breite bedeutet unzureichende Information.
Lesart für vertretbare δ-Werte und vorab deklarierte Multiplizitätskorrektur wiederholen.
13
Ergebnis interpretieren
- Nachweisbar, aber vernachlässigbar: null ist ausgeschlossen und das 90%-KI liegt vollständig in [−δ,+δ]; der Punktschätzer allein genügt nicht.
- Unentschieden: Das Intervall enthält null und nützliche Effekte; mehr Daten oder Entscheidung unter explizitem Risiko.
- Praktisch überzeugend: Das 95%-KI überschreitet δ in nützlicher Richtung unter den deklarierten Annahmen.
- Praktisch äquivalent: Das 90%-KI liegt in [−δ,+δ] und beide einseitigen Tests bestehen.
14
Vertretbare und unzulässige Schlussfolgerungen
Vertretbar
- Größe und Präzision für beobachtete Populationen beschreiben.
- Angeben, welche nützlichen oder vernachlässigbaren Werte mit den Daten vereinbar bleiben.
Unzulässig
- Signifikanz in Wichtigkeit, Wahrscheinlichkeit von H0 oder Kausalität umdeuten.
- p ≥ 0,05 ohne begründeten Äquivalenztest als Abwesenheitsbeleg interpretieren.
15
Mögliche Marketingentscheidung
- 01
Nur ausrollen, wenn der plausible Bereich die Wertschwelle überschreitet und operative Risiken akzeptabel sind.
- 02
Wegen Nutzlosigkeit nur stoppen, wenn praktische Äquivalenz um ein vertretbares δ gestützt ist.
- 03
Sonst als unentschieden behandeln und zwischen mehr Daten, begrenztem Pilot oder risikobasierter Entscheidung wählen.
16
Wann einsetzen und wann nicht
Einsetzen
- Durch den Analyseplan bereits begründete Vergleiche zweier unabhängiger Anteile.
- Entscheidungslesart nach Prüfung von Design, Daten und Multiplizität.
Nicht einsetzen
- Zur Testwahl: siehe MSC-P-039.
- Für Power und n: MSC-P-012; für Kausalität: MSC-P-013.
17
Reproduzierbare Implementierungen
Python 3.13 · Referenz
python msc-p004-reference.py --csv msc-p004-significance-effect-size.csvR 4.5 · Referenz
Rscript msc-p004-reference.R msc-p004-significance-effect-size.csvSPSS 31 · sekundär
INSERT FILE='msc-p004-reference.sps'.SAS 9.4 · sekundär
%include 'msc-p004-reference.sas';Python und R sind die geprüften ausführbaren Referenzen. Die sekundären SPSS- und SAS-Syntaxen verwenden dieselben Zählwerte, Formeln und Entscheidungsregeln; vor operativer Nutzung in der jeweiligen Umgebung ausführen.
18
Erwartetes Endergebnis
- 01
Frage, Population, Einheit, Fenster und Design.
- 02
Absolutes Δ, relativer Lift, p-Wert, 95%-KI und vorab deklariertes δ.
- 03
Entscheidungsklasse, Annahmen, Multiplizität, Grenzen und unmögliche Entscheidung.
19
Wissenschaftliche Quellen und Evidenzniveau
- American Statistical Association (2016)Institutionelle Erklärung
Der p-Wert misst weder Größe noch Bedeutung und soll nicht allein entscheiden.
- Lakens (2013)Methodischer Artikel, CC BY
Effektgrößen vermitteln Größenordnung und unterstützen Vergleich, Synthese und Planung.
- Lakens, Scheel & Isager (2018)Methodisches Tutorial, Open Access
Äquivalenz erfordert Grenzen anhand des kleinsten interessierenden Effekts und zwei einseitige Tests.
- Fagerland, Lydersen & Laake (2015)Methodischer Review
Das Wald-KI für zwei Anteile erfordert große Zählwerte und ist weniger robust als Score-Intervalle.
Methodische Verbindungen
